Chiara
Veröffentlicht am 4. May 2011, von Chiara
von P. Bernward Deneke FSSP

Wenn von „Sünden gegen den Glauben“ die Rede ist, denken wir wohl zunächst an Verfehlungen wie Glaubensabfall (Apostasie), Irrglauben (Häresie) oder schuldhaften Glaubenszweifel. Diese kommen darin überein, dass jeweils zu wenig geglaubt wird. Bei der Apostasie und beim Zweifel ist das offensichtlich. Aber auch die Häresie besteht wesentlich in der Verkürzung einer Offenbarungswahrheit, die uns die Kirche vorlegt, auf das Mass menschlicher Meinung. Jedenfalls sind derartige Sünden sehr verbreitet. Daher wird von ihnen besonders in Kreisen solcher Katholiken, die sich berechtigte Sorgen um die Weitergabe des Glaubens machen, viel gesprochen. Man übersieht dabei allerdings häufig, dass sich der Mensch gegen die erste göttliche Tugend nicht nur durch ein Zu-wenig, sondern auch durch ein Zu-viel verfehlen kann.

Zu viel Glauben? Gibt es denn das überhaupt? Sagt nicht Paulus von der Liebe, der höchsten Tugend des Christen: „Sie glaubt alles“ (l Kor 13,7)? Mehr als „alles“ kann man nicht glauben. Folglich scheint ein Übermass an Glaube unmöglich zu sein.
Zur Klärung der Angelegenheit müssen wir uns die alte Einsicht des Aristoteles (+ 322 v. Chr.) in Erinnerung rufen, nach welcher die Tugend jeweils die Mitte zwischen zwei Extremen bildet. In medio stat virtus. „Mitte“ bedeutet hier nicht Mediokrität, schlaffe Mittelmässigkeit, vielmehr intensive Konzentration, kraftvolle Balance. Bei einigen Tugenden leuchtet uns ihre Mittelstellung unmittelbar ein. So hält ein wahrhaft mutiger Mensch die Mitte zwischen Feigheit und Tollkühnheit, und die Tugend der Hoffnung umschifft die drohenden Klippen der Verzweiflung auf der einen, der Vermessenheit auf der anderen Seite.

Welches aber ist das Extrem, das im Bereich des Glaubens den Mangelformen von Apostasie, Häresie und Zweifel gegenübersteht? Es ist der Aberglaube. Die Neigung nämlich, nicht nur jenen Wahrheiten vertrauende Zustimmung zu schenken, die das authentische Siegel der göttlichen Offenbarung und der kirchlichen Verkündigung tragen, sondern auch solche Kunde gläubig anzunehmen, die anderswoher, aus trüben Quellen stammt.

Niemand, der wachen Auges die Vorgänge unserer Zeit betrachtet, wird verneinen können, dass es an entsprechenden Lehren und Praktiken nur so wimmelt. Es mag sich um krausen Volksglauben oder um die angeblich „höhere“ Weisheit der Gnostiker und Esoteriker handeln, um spiritistische Rituale und bizarre Engellehren, um zwielichtige Erscheinungen und obskure Wundergurus, um Handleserei, Kartenlegerei und Horoskop, um Furcht vor Freitag dem 13. und den vermeintlich unheilvollen Einfluss schwarzer Katzen: Wer immer sich mit dergleichen abgibt und es bejaht, der vollzieht eine Art Glaubensakt, der sich zwar auf vielerlei stützen mag, nicht aber auf die Autorität Gottes. Die Inhalte des Aberglaubens gehören eben nicht zum de-positum fidei, zum sicher hinterlegten Glauben der Kirche. Sie fallen stattdessen nur allzu oft in die Kategorie „Fabelei, Wahn und Hirngespinst“.

Und dennoch vermag gerade ein christlich verbrämter Aberglaube viele fromme Gemüter zu becircen. Diese Spielart des Zu-viel-Glaubens gibt sich ja gerne besonders übernatürlich. Und weil sich die betreffenden Lehren nicht mit dem Verstand ergründen lassen, sehen sie den wirklichen Glaubensgeheimnissen zuweilen zum Verwechseln ähnlich, ja überbieten sie gerne an mirakulösen Elementen. Das Konzil von Trient nannte deshalb im Jahr 1562 die superstitio (=Aberglaube) verae pietatis falsa imitatrix, „falsche Nachahmerin wahrer Frömmigkeit“ (22. Sitzung).

Zugegeben, die Abirrung abergläubischer Lehren ist nicht immer und ohne weiteres durchschaubar. Manche sensationelle Botschaft des Himmels, manche aufsehenerregende Marienerscheinung widerspricht auf den ersten und zweiten Blick nicht in derart krasser Weise dem christlichen Hausverstand und der gesunden Theologie, dass man sich sogleich kopfschüttelnd von ihr abwenden müsste. Und doch überkommt den katholischen Spürsinn zuweilen schon lange vor einer genaueren Prüfung ein gewisses Unwohlsein. Er merkt, dass die betreffenden Vorgänge und Lehren, mögen sie sich noch so fromm geben, nicht in Gott ihren Ursprung haben, sondern eher in menschlich-allzu-menschlichem Wunschdenken oder Geltungsbedürfnis, schlimmerenfalls in raffinierter Irreführung, schlimmstenfalls sogar in teuflischer Verführung. Hier tut die im Firmsakrament verliehene Gabe der Wissenschaft, die uns zur Unterscheidung der Geister befähigt, dringend not!

Bei vielen Katholiken herrscht die Meinung vor, man solle Privatoffenbarungen, Sonderbotschaften und ausserordentlichen Phänomenen zunächst einmal eine wohlwollende Offenheit entgegenbringen, anstatt ihnen grundsätzlich mit skeptischer Distanz zu begegnen. Diese Haltung scheint glaubenswilliger zu sein als die des nüchtern Prüfenden, scheint zudem ein grössere Aufgeschlossenheit für das Übernatürliche, eine lebhaftere Frömmigkeit zu bekunden. Und angesichts des Verschwindens der Dimension des Heiligen und des Mysteriums im durchschnittlichen kirchlichen Leben und Gottesdienst versteht man nur zu gut, weshalb sich Menschen heute umso mehr dorthin gezogen fühlen, wo ihnen das Göttliche und Himmlische geradezu handgreiflich geboten zu werden scheint.

Dennoch hat solche Leichtgläubigkeit mit echter Gläubigkeit und Frömmigkeit wenig gemein. Zwar ist der Glaube „ein Überzeugt sein von dem ist, was man nicht sieht“ (Hebr 11,1). Aber er lässt sich auf dieses Unsichtbare nur dort ein, wo es ihm auch glaubhaft von vertrauenswürdigen Zeugen verkündet wird. Bürgin für die Echtheit ist dabei steht die von Christus gegründete Kirche, die „Säule und Standfeste der Wahrheit“ (1 Tim 3,15). Katholische Frömmigkeit macht sich an ihr fest, während abergläubische Frömmigkeit sich zumeist auf den schwankenden Boden des Gefühls nicht selten der ausgesprochenen Schwärmerei begibt. Und so führt sie nach und nach vom übervernünftigen Glaubensgeheimnis ins Un- und Widervernünftige.
Mit dem Aberglauben geht vor allem der heilige Apostel Paulus hart ins Gericht. Beschwörenden Tons warnt er vor „Zeiten, in denen man die gesunde Lehre nicht mehr erträgt, sondern sich nach eigenem Gelüste Lehrer beschafft, um die Ohren zu kitzeln“; dann werde man sich von der Wahrheit ab- u d Fabeleien zuwenden (2 Tim 4,6 f.). Ein „guter Diener Christi“ aber nähre sich „von den Worten des Glaubens und der rechten Lehre“, anstatt sich mit „albernen Altweiberfabeln“ zu befassen „1 Tim 4,6f.). Der heute verbreiteten Schonung lehrmässiger Abirrungen stellt sich der Völkerapostel entgegen, wenn er Titus auffordert: „Weise sie streng zurecht, damit sie im Glauben gesund bleiben!“ (Tit 1,13)

Deshalb also muss wie der Irr-, so auch der Aberglaube bekämpft werden: weil er die Glaubensgesundheit untergräbt. Wir, die „wir nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt sind“ (1 Petr 1,16), sondern dem klar beglaubigten, völlig glaubwürdigen Zeugnis des fleischgewordenen Wortes, dürfen uns nicht herabziehen lassen in die Niederungen von Wahn und Täuschung, Fabelei und Hirngespinst. Solches neben der Wahrheit Gottes zu dulden hiesse letztlich, Jesus, den „Anführer und Vollender unseres Glaubens“ (Hebr 12,2), mit dem „Lügner von Anbeginn“ (Joh 8,44) auf eine Stufe zu stellen, und das sei ferne!

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Chiara schrieb am 8. May 2011
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Interessant.... ich glaube auch, dass dieses Thema immer mehr zum Thema wird...
lg Susanne sonne
Chiara
MFF schrieb am 5. May 2011
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Ein sehr interessanter Beitrag, danke.
P. Hermann Geissler der Bürochef der Glaubenskongregation im Vatikan , der aus meiner Heimatpfarre stammt, hat sich zu diesem Thema ident geäußert.
Liebe Grüße:
Paul
MFF