Derzeit wird in den Werktagsmessen das Markus-Evangelium gelesen. Es hat eine interessante Dramaturgie. Einige Gedanken dazu. Und zu den Ursachen der Christenverfolgung.
Zum Text mit einigen weiterführenden Links.
Der Druck nimmt zu, die Stimmung kippt. Nachdem Jesus durch sein Wirken landesweite Berühmtheit erlangt hatte (Mk 1, 21 bis 2, 13), kommen die Neider, die Kritiker, die Erbsenzähler, die immer und überall ein Haar in der Suppe suchen und finden. Die, deren heile Welt nach eigenem Dafürhalten keiner Heilung bedarf, bei denen scheinbar alles in Ordnung ist. Es war genau wie heute.
In den Evangelium haben diese Menschen einen Namen: Pharisäer. Eigentlich sehr fromme Menschen, doch zu fromm, um noch etwas dazulernen zu wollen oder zu können, von einem jungen Mann, der ihnen offenbar spirituell voraus ist. Kluge, gebildete Menschen, die sich auskennen mit dem Gesetz des Mose. Leider offensichtlich nur dort, denn dieses Gesetz ist für sie der einzige Maßstab der Lebensführung. Sie legen es nicht in Liebe aus, wie Jesus es tut, sondern so, wie sie es immer taten: streng und unerbittlich. Doch es sind auch gerechte, ja, sogar gute Menschen, denn sie folgen dem, was sie ethisch als richtig erkannt haben, in beachtlicher Konsequenz. Sie sind nicht nur hart zu anderen, sondern auch zu sich selbst. Doch, so sehen zumindest wir es, die wir Jesus ernster nehmen als sie, verfehlen die Pharisäer letztlich den Willen Gottes.
Im Markus-Evangelium folgt in interessanter Dramaturgie auf die Wunderberichte umgehend die Rede von den ersten Anzeichen der Verfolgung, die in unmissverständlicher Weise bereits auf das Kreuz deuten: Das Staunen der Pharisäer weicht schnell der religionspolitischen Räson: Jesus muss weg. Ab sofort suchen sie „einen Grund zur Anklage gegen ihn“ (Mk 3, 2).
Nachdem Markus also einige Heilungswunder berichtet hat und darstellt, wie das Volk seinen Heiland feiert, widmet er sich gleich den Konsequenzen, die daraus erwachsen: der Konfrontation mit den religiösen Eliten, die auf Jesus aufmerksam werden, zu groß ist die Begeisterung, zu wirkungsvoll sein Handeln, zu mächtig sein Einfluss auf die Menschen, die sie doch so gerne in Abhängigkeit hielten. Sie erkannten nicht, dass es ihr Gott war, der durch Jesus seine Macht zeigte. Statt dessen legen sie los: Er isst mit Zöllnern und Sündern! (Mk 2, 14-17) Er hält sich nicht an die Vorschriften zum Fasten! (Mk 2, 18-22) Er reißt am Sabbat Ähren ab! (Mk 2, 23-28) Ja, ja, aber es geht ja noch weiter: Er besitzt die Frechheit, nicht einmal am Sabbat damit aufzuhören, die Menschen zu heilen und zu lieben! (Mk 3, 1-5) Das war’s! Markus berichtet lapidar: „Da gingen die Pharisäer hinaus und fassten zusammen mit den Anhänger des Herodes“ – man sichert sich politisch ab – „den Beschluss, Jesus umzubringen.“ (Mk 3, 6).
Warum fassten sie diesen Beschluss?
Jesus stört ihre Ordnung zugunsten einer neuen Form des Zusammenlebens, deren Regeln sich weniger vom Gesetz her ergeben, sondern vielmehr von der Liebe. Jesus irritiert die kulturellen und religiösen Grundlagen der Gesellschaft. Das können die Eliten dieser Gesellschaft, die sich auf jene Grundlagen eingestellt haben, die ihre Macht davon ableiten, nicht hinnehmen.
In vielen Wellen der schlimmsten Christenverfolgungen begegnet uns dieses Muster. Die neue Lehre trifft auf eine alte Ordnung. Jesus ist das erste Opfer der Christenverfolgung. Es ist fortan das Christentum, das in Frage stellt. Es ist die Gesellschaft, die dagegen hält und sagt: „Es war alles in Ordnung (gemeint ist: in unserer Ordnung), bis ihr kamt! Bis ihr kamt und mit euren alternativen Entwürfen die Menschen verunsichert habt.“
In Rom und Athen trifft der christliche Gedanke der universellen Freiheit, der Würde aller Menschen als Ebenbilder Gottes auf eine Sklavenhaltergesellschaft, die Menschen verzweckt und ausbeutet. „Es war doch alles in Ordnung! Dann kamen diese Christen und setzten meinem Eigentum Flausen in den Kopf, es sei von Gott geliebt. So wie ich. Mehr noch: Es gäbe nur einen Herrn, und gerade der befreie die Menschen zur Freiheit.“ Das passte nicht zusammen.
Zudem widersprachen die vielen anthropogenen Götter dem Glauben an den einen Gott, der Mensch wurde, aber Gott blieb. Der Kaiserkult war ohnehin ein gottfernes Menschenwerk in den Augen der Christen. Das kam noch hinzu.
Die urkirchliche Gütergemeinschaft irritierte zudem das kontraktualistische Do ut des-Denken des antiken römischen Rechts- und Wirtschaftssystems, das sich bis heute in unserem (Wirtschafts-)Recht erhalten hat. Doch wir sagen: Die Moral muss weiter gehen als das Recht. Liebe darf nicht auf Gegenliebe warten, nicht einmal darauf hoffen. Das wurde damals nicht verstanden. Und heute auch nicht. Wer Dinge verschenkt, die andere verkaufen, verhält sich sittenwidrig. Das ist der juristische Ausdruck für unmoralisch. Der Staat will auch die Nächstenliebe kontrollieren.
In Korea befragte die christliche Idee der Einheit der Schöpfung in Gott und der Gleichheit aller Geschöpfe vor Gott, der Gleichwertigkeit von Mann und Frau, von Herr und Diener, von Regent und Untertan, von Vorgesetztem und Untergebenem das dualistische Gesellschaftsmodell des Konfuzianismus. Im 19. Jahrhundert wird die Kirche in Korea brutal verfolgt.
In Indien bleibt immer noch unverstanden, wie man Unberührbare berühren kann. Sie sind doch unberührbar! Christen kommen und pflegen sie, salben ihre Wunden. „Was bilden die sich eigentlich ein!“ Immer wieder kommt es zu Gewaltakten gegen Christen, die die Unberührbaren aus dem Kastensystem lösen möchten, ihre Befreiung aus starrer, unmenschlicher Ordnung vornehmen. Aber damit eben auch gegen diese Ordnung verstoßen, die desto wertvoller wird, je heller die Haut ist.
In der islamischen Welt (also in der Türkei, in den arabischen Ländern, in Indonesien, in Pakistan, in Afghanistan, im Iran, zunehmend auch in Zentralafrika, vor allem in Nigeria und im Sudan), treffen unterschiedliche religiöse Ordnungen aufeinander, die einen grundverschiedenen Missionsgedanken tragen: Zwang und Freiwilligkeit. Es muss weh tun, wenn Moslems zum schwachen, auf Liebe und Freiheit setzenden Christentum konvertieren, wo man doch selbst so stark ist. Wenn sie die Ohnmacht des Kreuzes vorziehen, einen Gott, der sich erniedrigen lässt. Da fasst man eben den Beschluss, diese Menschen umzubringen. Und die Christen, denen man habhaft werden kann, gleich mit, da sie es waren, die ihnen diese Ideen mitteilten.
Die divergierenden Menschenbilder tun ihr Übriges: Dass männliche und weibliche Christen gemeinsam beten, ist ein Affront gegen die herrschende Ordnung. Das kann man so nicht hinnehmen.
In Nordkorea verweigern Christen die Verehrung der Regierenden als Götter, weil sie ihren Gott schon gefunden haben. Deswegen fassten die Regierenden vor Jahrzehnten den Beschluss, die Christen umzubringen.
In China werden nur die Christen in Ruhe gelassen, die die Kommunistische Partei als höchste irdische Autorität anerkennen. Man will die Fäden in der Hand behalten, der Ordnung wegen. Schlecht für die bekennende Kirche, die da nicht mitspielt.
Und bei uns? In Europa? In Deutschland? Hier ist es – neben dem Streit um symbolische Repräsentation von Religion in der Öffentlichkeit – insbesondere die unangepasste Katholische Kirche, die in einer sexualisierten Leistungs- und Ellenbogengesellschaft stört, weil deren Mitglieder jenseits von Körperkult und Konsum noch Sinn vermuten. Sowas! Eine Gesellschaft unter den Bedingungen des universellen Marktes kann religiös motivierten Verzicht und Opfer aus dem Glauben heraus nicht nur nicht verstehen, sondern muss nicht vermarktbare Motive strikt ablehnen, weil sie das eigene Selbstverständnis stören. Die Kirche verhindert, dass Menschen zu ihrer Ruhe kommen und ihren Frieden machen können, weil sie stets daran erinnert, dass es nicht die Ruhe und der Frieden ist, die Gott will. Dass die Gesellschaft Freiwilligkeit, Opferbereitschaft und Askese aus religiösen Gründen nicht verstehen kann, hebt der Mediensoziologe Norbert Bolz sehr schön am Beispiel des Zölibats hervor. In einem Interview mit der Tagespost (22.05.2010) sagt er: „Zölibat ist Askese, und Askese ist etwas, das für unsere Gesellschaft unerträglich ist, das absolut Nicht-Säkularisierbare. Es gibt zwar alle möglichen Formen von Konsum und Befriedigung, aber Askese, also der freiwillige Verzicht auf Möglichkeiten, ist für die offizielle Selbstbeschreibung einer säkularen bürgerlichen Gesellschaft ein Skandal. Die Leute wittern, dass hinter der Askese Macht steckt, und das reizt sie bis aufs Blut.“
Es „reizt sie bis aufs Blut“. Dass da jemand ist, der Macht hat, nicht Macht über sie, sondern Macht über sich selbst. Dass da jemand Selbstbeherrschung hat, während man selbst die Veranlagung zur Zügellosigkeit spürt. Dass da jemand ist, der anders ist. Daher muss der Zölibat für alles herhalten, nur nicht für das, wofür er steht: freiwillige Selbstbeschränkung aus religiösen Gründen. Denn das kann ja nicht sein. In den Redaktionen werden Beschlüsse gefasst. Es muss nicht wahr sein, es muss nur stimmen. Zur gereizten Stimmung passen. Es fließt kein Blut, nein. Man macht mundtot, zelebriert die soziale Hinrichtung. Das ist im Medienzeitalter viel wirkungsvoller, weil es immer alle betrifft – die Katholiken.
Jesus wusste, dass er den ordnungsliebenden Menschen auf die Füße tritt, wenn er ihre Spielregeln mit seinen modifizieren will. Er wusste auch, was seinen Jüngern blüht. Im Johannes-Evangelium spricht er davon: „Wenn die Welt euch hasst, dann wisst, dass sie mich schon vor euch gehasst hat. Wenn ihr von der Welt stammen würdet, würde die Welt euch als ihr Eigentum lieben. Aber weil ihr nicht von der Welt stammt, sondern weil ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt. Denkt an das Wort, das ich euch gesagt habe: Der Sklave ist nicht größer als sein Herr. Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen; wenn sie an meinem Wort festgehalten haben, werden sie auch an eurem Wort festhalten. Das alles werden sie euch um meines Namens willen antun; denn sie kennen den nicht, der mich gesandt hat. Wenn ich nicht gekommen wäre und nicht zu ihnen gesprochen hätte, wären sie ohne Sünde; jetzt aber haben sie keine Entschuldigung für ihre Sünde. Wer mich hasst, hasst auch meinen Vater. Wenn ich bei ihnen nicht die Werke vollbracht hätte, die kein anderer vollbracht hat, wären sie ohne Sünde. Jetzt aber haben sie (die Werke) gesehen und doch hassen sie mich und meinen Vater. Aber das Wort sollte sich erfüllen, das in ihrem Gesetz steht: Ohne Grund haben sie mich gehasst. Wenn aber der Beistand kommt, den ich euch vom Vater aus senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, dann wird er Zeugnis für mich ablegen. Und auch ihr sollt Zeugnis ablegen, weil ihr von Anfang an bei mir seid.“ (Joh 15, 18-27)
„Ohne Grund haben sie mich gehasst.“ Ohne echten Grund. Und ohne echten Grund hassen sie auch uns. Damit müssen wir leben. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute ist: Mit Hilfe des Beistands, von dem Jesus spricht, können wir es.
(Josef Bordat)