MAYFLOWERSFOUNDATION
Veröffentlicht 8. Februar 2010 von MAYFLOWERSFOUNDATION
"Wer Jesus kennen will, muss das Volk kennen, in das er gehört."
Zahlreiche Gäste waren am Sonntagabend der Einladung des Innsbrucker Bischofs Manfred Scheuer zum Tag des Judentums, der seit dem Jahr 2000 jährlich am 17. Jänner begangen wird, ins Haus der Begegnung gefolgt. In seinen Begrüßungsworten erinnerte der Bischof an die große Bedeutung der jüdischen Wurzeln für das Christentum. „Jesus war in seiner geistigen und religiösen Form Jude und wollte dies auch sein“, erklärte der Bischof und brachte danach klar zum Ausdruck: „Wer Jesus kennen will, muss das Volk kennen, in das er gehört,...“

Fehlende Glaubenssolidarität in der Vergangenheit
Allerdings habe die christliche Tradition das Judentum lange Zeit nur im Gegensatz gesehen: „Jesus hat es verworfen – es hat ihn getötet.“ Die Christenheit habe daraus das Recht gelesen, an den Juden aller Zeiten Rache zu nehmen, so der Bischof.
Der Tag des Judentums sei deshalb für uns Christen verbunden mit dem Gedenken an die Verstrickung in Schuldzusammenhänge im Nationalsozialismus. Denn auch wenn zahlreiche Christen unter Lebensgefahr jüdische Mitbürger gerettet hätten, so sei das Bewusstsein der Glaubenssolidarität nicht vorhanden gewesen. Aber der Bischof bemerkte auch, dass es immer wieder „Wunder der Glaubenssolidarität“ zwischen „dem Volk, das Gott zuerst geliebt hat und der Kirche Jesu Christi“ gebe.

Tag des Judentums – ein Gedenktag für Christen
In seinem Vortrag betonte Dr. Andreas Vonach, Professor am Institut für Bibelforschung und historische Theologie an der theologischen Fakultät, dass der Tag des Judentums als Gedenktag für die Christen gedacht sei. Als ein Tag, an dem sich die Christen ihrer lang verdrängten oder vergessenen jüdischen Wurzeln bewusst werden sollten.
In seiner Bilanz über den jüdisch-christlichen Dialog in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts machte Vonach positive Entwicklungen ebenso aus wie Irritationen auf beiden Seiten.

Neubeginn nach den unvorstellbaren Schrecken der Shoa
Obwohl von Anfang an klar gewesen sei, dass eine rein theologische Diskussion jüdisch-christlicher Fragen historisch bedingt nicht möglich ist, leitete ein Treffen von 65 Vertretern der jüdischen und christlichen Kirchen im schweizerischen Seelisberg 1947 einen Umdenkprozess und eine theologische Erneuerung des Miteinanders von Juden und Christen ein. Grundprämisse des an die Christen gerichteten Schlussdokuments war die Verurteilung jeglicher Form von Antisemitismus als Sünde und Gefahr für die moderne europäische Kultur. Der kontinuierlich weiter geführte Dialog trage Früchte, meinte Vonach. So sei 60 Jahre später mit den 2009 formulierten Berliner Thesen des Rates der Christen und Juden ein Dokument entstanden, welches sich nicht mehr nur an eine Gruppe richte, sondern an Juden und Christen gleichermaßen wende und die gemeinsamen Wurzeln hervorhebe. „Man darf schon sagen, dass sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts viel an Bewusstsein – durchaus mit Breitenwirkung – entwickelt hat“, zieht Vonach eine vorwiegend positive Bilanz ohne dabei jedoch Irritationen auf beiden Seiten zu verschweigen, die es in der jüngeren Vergangenheit durchaus gegeben habe.

Dialog mit Stolpersteinen
Als von der katholischen Kirche ausgelöste Irritationen beim Judentum nannte der Universitätsprofessor die Aufhebung der Exkommunikation des Holocaustleugners und Bischofs der Piusbruderschaft Richard Williamson sowie die Zulassung des tridentinischen Ritus in Verbindung mit der Neuformulierung des Karfreitagsgebetes. Irritationen auf christlicher Seite habe eine Erklärung des Koordinierungsausschusses anlässlich der 60-Jahrfeier zur Gründung des Staates Israel ausgelöst, in der aus der unbestrittenen Verwerfung von Antisemitismus als Sünde automatisch die Anerkennung des Staates Israel abzuleiten sei. Jegliche Kritik an Israel sei daher als versteckter Antisemitismus zu verstehen und folglich verboten.

Trotz einiger Stolpersteine in der Kommunikation zwischen Christen und Juden ist Vonach optimistisch und erhofft sich einen offenen Dialog zwischen Christen und Juden über ethische und Alltagsthemen, welche die Menschen beschäftigen würden und in denen es theologisch begründete Auffassungsunterschiede zwischen den Religionen gebe. „Es wäre schön, miteinander offen reden zu können, um sich ein bisschen besser zu verstehen“, formulierte Vonach abschließend seinen persönlichen Zukunftswunsch.
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