Häresie und Schisma: Der Arianismus
Das Erste Ökumenische Konzil von Nizäa
Die alte arianische Irrlehre ist in neuem Gewand auch heute noch verbreitet. Am Gedanktag des hl. Kirchenlehrers Athanasius (2. Mai), des großen Kämpfers gegen den Arianismus, betet die Kirche im Tagesgebet: „Allmächtiger, ewiger Gott, du hast dem heiligen Bischof Athanasius den Geist der Kraft und der Stärke verliehen, so dass er die Lehre von der wahren Gottheit deines Sohnes unerschrocken verteidigte. Höre auf die Fürsprache dieses heiligen Bekenners. Hilf uns, an der Botschaft festzuhalten, die er verkündet hat, und gib, dass wir unter seinem Schutz dich tiefer erkennen und inniger lieben. Darum bitten wir durch Jesus Christus…“
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Kaum war der große Kampf mit dem Heidentum vorüber, so begann ein anderer schwerer Kampf für die Kirche, der Kampf mit ihren innern Feinden, der H ä r e s i e und dem S c h i s m a, der wohl schon in der heidnischen Zeit in einzelnen Verirrungen begonnen hatte, in der christlichen Ära aber seinen Höhepunkt erreichte. So betrübend und schmerzlich diese innern Kämpfe auch immer gewesen sind, für sie waren sie dennoch notwendig und heilsam. Auch in ihnen, wie in jenen Kämpfen mit dem Heidentum, zeigte sich jenes wunderbare Walten Gottes, jene Führung des Heiligen Geistes, der zu keiner Zeit und in keiner Lage seine Kirche verläßt.
Hatte nämlich die Kirche in den drei ersten Jahrhunderten den schweren Kampf um ihre E x i s t e n z zu führen, um als das Reich Gottes festen Fuß zu fassen, so mußte sie nunmehr nach Erreichung dieses Zieles die Entfaltung ihrer innern Schönheit, die Entwicklung und Reinerhaltung ihrer Lehre und ihres Gesetzes zum Gegenstande ihrer Sorgen und Kämpfe machen. Denn in der ersten Zeit der christlichen Begeisterung und im Getümmel des blutigen Kampfes nahm man die Lehren des Glaubens in ihrer ganzen Einfachheit und unvermittelt, so wie sie von Gott gekommen waren, als belebende Kraft in sich auf. Die meisten Christen hatten weder Zeit noch Lust, den ganzen reichen Inhalt derselben nach allen Seiten zu zerlegen und ihn dem Verständnis mehr zu vermitteln, obgleich einzelne dies bereits mit Glück versucht hatten. Sobald aber die Ruhe und der Friede eingekehrt waren, begann das ernstere, tiefere Nachdenken und Forschen auf dem Gebiete des Glaubens fast überall. Man wollte sich der ganzen Tiefe und Schönheit des Glaubensinhaltes bewusst werden, ihn allseitig entfalten und womöglich ergründen. Wie von selbst aber mußten sich bei diesem Bemühen des menschlichen Verstandes auch verschiedene bald mehr oder weniger richtige, bald falsche und von der geoffenbarten Wahrheit sehr abweichende Ansichten ergeben: es entstanden Schisma und Häresie. Da war es Pflicht und Aufgabe der vom Heiligen Geiste geleiteten Kirche, gegenüber all diesen Verirrungen des menschlichen Geistes den Schatz der ihr anvertrauten Wahrheit nach gründlicher Prüfung mit unfehlbarer Sicherheit festzustellen und den Inhalt der göttlichen Offenbarungen mehr und mehr zu vertiefen. Das war ihre große Aufgabe während mehrerer nun folgender Jahrhunderte. Das Leben der Kirche in dieser Zeit war fast nichts anderes als ein ununterbrochener Kampf mit dem Geiste des Irrtums und mit der menschlichen Verstandesweisheit gegenüber der von Gott geoffenbarten Wahrheit, in welchem sie oft noch größere Wunden empfangen hat als im blutigen Kampfe mit der heidnischen Gewalt.
Gleichwie aber zur Zeit des Kampfes um ihre Existenz die A l l m a c h t Gottes in großen Wundern und Zeichen der Kirche und ihren mutigen treuen Kindern zur Seite gestanden und mittelst dieser seiner von allen schließlich anerkannten Macht ihre Feinde überwunden hat, so hat sich in diesem jetzt beginnenden Kampfe der Kirche um die Wahrheit gegenüber der Lüge und dem Irrtum nicht weniger die göttliche W e i s h e i t geoffenbart, jener H e i l i g e G e i s t, den der Herr als Geist der Wahrheit ihr verheißen hat, damit er bei ihr bleibe bis ans Ende der Welt. Denn aus all diesen schweren Kämpfen ist die Kirche mit dem Gesamtinhalt ihrer Lehren rein und unversehrt hervorgegangen, hat denselben für alle Zukunft festgestellt und ihn in seiner Schönheit und Tiefe allseitig entwickelt. Auch hier also ist das Walten Gottes in seinem Reiche sichtbar und augenfällig, wie der Verfolg der Geschichte uns dies im einzelnen zeigen wird.
Im großen und ganzen verlief diese Periode der großen kirchlichen Glaubensstreitigkeiten in den drei großen Hauptkämpfen: in den t h e o l o g i s c h e n K ä m p f e n des Arianismus und Semiarianismus, in den c h r i s t o l o g i s c h e n Kämpfen des Nestorianismus, Monophysitismus und Monotheletismus und in den a n t h r o p o l o g i s c h e n Kämpfen der Pelagianer und Semipelagianer. Die im Orient entstandenen Sekten hatten eine mehr theoretische, die im Abendland entstandenen eine mehr praktische Bedeutung.
Die Hauptstelle in diesem ganzen Kampfe nimmt ohne Zweifel der A r i a n i s m u s ein. Er hat seinen Namen von Arius, einem Priester von Alexandria, der, mit bedeutenden Talenten, aber mit noch mehr Stolz und Anmaßung ausgerüstet, mit seinem bloßen Verstande die christlichen Dogmen erfassen wollte und seine Verstandesauffassung für unmittelbare Mitteilungen Gottes ausgab. Von glühendem Ehrgeize getrieben, war seine Hoffnung auf den erzbischöflichen Stuhl in Alexandria gerichtet; er suchte daher den ihm vorgezogenen Bischof Alexander auf alle Weise zu verkleinern, vor allem aber ihn in seiner Rechtgläubigkeit zu verdächtigen. Gestützt auf mißverstandene und falsch ausgelegte Lehren D i o n y s i u s’ d. Gr., entwickelte Arius in seinem Kampf mit Alexander ein ganzes System falscher Lehren über Christus und seine ewige Gottheit. Nach ihm ist Christus nicht schlechthin Gott wie der Vater, sondern jenes Mittelwesen zwischen dem ewig in sich verschlossenen Gotte, der nicht als Schöpfer aus sich heraustreten kann, und der sichtbaren Welt, dem neben der Erschaffung auch die Erlösung anvertraut ist. Er hat nichts mit dem Wesen Gottes gemein, sondern ist nur das O r g a n Gottes zur Weltschöpfung, und das Wort „der S o h n G o t t e s“ ist nicht wörtlich zu nehmen. Er ist nicht gleich ewig wie der Vater, sondern „e s g a b e i n e Z e i t, w o e r n i c h t w a r“. Wohl war er bereits, ehe die Welt ward, denn sie ist durch ihn geschaffen, aber er selbst ist gleichfalls von Gott aus nichts geschaffen, also nicht als wesensgleich aus dem Wesen des Vaters in Ewigkeit hervorgegangen <gezeugt>. Er wird Gott genannt, nicht weil er dieses von Natur aus ist, sondern weil Gott ihn gleichsam angenommen hat wegen der Heiligkeit seines Lebens auf Erden. Seine jetzige Herrlichkeit ist nur der Lohn seines heiligen Lebens auf Erden. Mit dieser rein verstandesmäßigen Lehre des Arius ist bereits die Grundlage des ganzen Christentums: die Trinität und Wesensgleichheit der drei göttlichen Personen, sowie die wirkliche Erlösung durch Christus geleugnet und der Übergang zur Vielgötterei gegeben. Daher nahm die Kirche frühzeitig den Kampf gegen sie auf; ihr selbst aber ward hierdurch Gelegenheit gegeben, gerade diese wichtigste aller Lehren zu entwickeln und gegen fernere Irrtümer festzustellen. Dieses geschah auf dem berühmten Konzil von Nizäa.
Nachdem nämlich Arius bereits auf einer Synode zu Alexandria im Jahre 320 wegen dieser seiner Irrlehre exkommuniziert worden war, und weitere Vermittlungsversuche, die Kaiser Konstantin nach dem Siege über Licinius unternommen hatte, mißlungen waren, berief dieser die erste große allgemeine Kirchenversammlung nach Nizäa in Kleinasien im Jahre 325, um diese ersten ausgebrochenen Streitigkeiten zu schlichten. Die Lehre des Arius, in der man eine Vermittelung zwischen Heidentum und Christentum sah, hatte nämlich bereits weitere Verbreitung gefunden, und selbst mehrere Bischöfe hatten sich für sie erklärt. In Nizäa fanden sich 318 meist orientalische Bischöfe zusammen, unter ihnen auch 18 arianisch gesinnte. Den Vorsitz führte im Namen des Papstes Silvester H o s i u s, Bischof von Kordova in Spanien, nebst einigen andern päpstlichen Legaten, während Kaiser Konstantin, obgleich er das Konzil berufen, in richtiger Würdigung seiner Stellung nur als Teilnehmer bei demselben erschien. Auch Arius wurde berufen und alles versucht, ihn von seiner Verirrung abzubringen. Aber alles umsonst. Als die Lehre des Arius zum erstenmal vorgetragen wurde, zeigte sich der größte Teil der Bischöfe so verletzt, daß sie sich die Ohren zuhielten. Der junge Diakon A t h a n a s i u s von Alexandria verteidigte in glänzender Weise die orthodoxe Lehre in den Diskussionen mit den Arianern. Konstantin selbst bemühte sich auf alle Weise, den Arius und seine Freunde zur Umkehr zu bewegen. Aber ohne Erfolg. Die Lehre desselben wurde hierauf verurteilt. Mit der Abwehr des Irrtums aber war den Vätern nicht genug geschehen. Die kirchliche Lehre mußte in klaren, kurzen Worten festgestellt werden, und daher wurde das sogenannte Nizänische Glaubensbekenntnis entworfen, in welchem gerade die von Arius angegriffene Lehre in klaren, unzweideutigen Worten ausgesprochen und die Zeugung des Sohnes aus dem Wesen des Vaters, seine wahre Gottheit und Wesensgleichheit mit dem Vater gelehrt wurde. Es war dies Konzil ein großer Akt des kirchlichen Lebens und ein Vorbild für alle nachfolgenden Konzilien. Mit der Verurteilung des Arius und der Aufstellung des Glaubensbekenntnisses durch das Konzil war der Arianismus gerichtet. Arius selbst, mit ihm zwei ägyptische Bischöfe seines Anhanges, wurde alsbald vom Kaiser nach Illyrien verbannt. Ferner wurde auf dem Konzil das M e l e t i a n i s c h e S c h i s m a beendigt. Meletius, der zur Zeit der Diokletianischen Verfolgung den Göttern geopfert hatte, sein Amt aber nachher noch fortverwaltete, sollte wohl den Titel eines Bischofs behalten, aber sein Amt nicht mehr ausüben dürfen. Auch der bekannte O s t e r f e s t s t r e i t ward nunmehr erledigt, und weitere für das damalige kirchliche Leben wichtige Kanones wurden erlassen.
Leider war mit diesen Konzils-Entscheidungen die Ketzerei, obgleich gerichtet, noch nicht zu Ende. Denn bald nach dem Konzil fing der orthodoxe Eifer Konstantins zu erkalten an, weil er den Einflüsterungen seiner den Arianern freundlichen Schwester Constantia, der Witwe seines frühern Nebenkaisers L i c i n i u s, Gehör schenkte. Die Arianer durften wieder zurückkehren, und Arius selbst ward aus Illyrien zurückberufen. Ja Konstantin ging später so weit, von Athanasius, dem nunmehrigen Bischofe von Alexandria, zu verlangen, daß er den Arius wieder als Priester aufnehme. Als dieser sich dessen entschieden weigerte, kam er in Ungnade. Da die Überzeugung, daß er in seiner Residenz Anhänger des Arius genug habe, die nötigenfalls den Bischof zur Willfährigkeit gegen Arius, der in heuchlerischer Weise das Nizänische Symbolum anerkannt hatte, zwingen würden, kam der Kaiser mit demselben Verlangen zum Bischof von Konstantinopel. Der Bischof aber wandte sich im Gebete um Hilfe an Gott. Er begab sich in die Kirche und flehte: „Laß mich doch sterben, o Herr, bevor Arius in die Kirche kommt. Wenn du dich aber deiner Kirche erbarmen willst, so verhindere diesen Greuel, damit nicht mit Arius die Ketzerei selbst einziehe.“
Wenige Stunden hierauf, am Samstag abend zog Arius mit großer Begleitung in die Stadt ein. Als er in die Nähe des Marktplatzes gekommen, empfand er ein natürliches Bedürfnis, zog sich in ein Haus zurück und wurde vergebens zurückerwartet. Da man nachsah, fand man seine Leiche; die Eingeweide waren von ihm gegangen. Gott hatte über ihn gerichtet und das Gebet des bedrängten Bischofs erhört. Allgemein wurde dieses Ereignis als sichtbare Strafe Gottes aufgefaßt und viele Arianer bekehrten sich.
Quelle: Die Geschichte der Kirche Christi, Dem katholischen Volke dargestellt von Johannes Ibach, Päpstlichem Geheimen Kammerherrn, Dekan in Villmar, 4. Aufl., bearbeitet von Professor Dr. Gregor Schwamborn, 6. Aufl., Einsiedeln (Schweiz) 1919, S. 322-325. – Imprimatur
Übernommen von:
http://rittertum.wordpress.com/2011/02/20/der-arianismus/#more-3135