Der Zorn
Der Zorn ist das heftige Verlangen, andere zu strafen. Hier handelt es sich nicht um den gerechten Zorn wie den des Herrn, als er die Käufer und Verkäufer aus dem Tempel trieb, sondern um den unrechten Zorn, der als schlechte Laune, Rachsucht, Wutausbrüche, Rache und Ballen der Faust auftritt. Vor den Augen des Egoisten verkleidet sich der Zorn als der Wunsch, es dem anderen heimzuzahlen.
Der Zorn findet sich häufig bei Menschen, die ein schlechtes Gewissen haben. Wenn man sie des Diebstahls anklagt, werden Diebe viel zorniger als ehrliche Leute. Untreue Ehegatten bekommen Wutanfälle, wenn sie ertappt werden. Eifersüchtige und boshafte Frauen lassen es die Hausangestellten entgelten. Solche Egoisten stossen alle, die ihnen nicht gefallen ab und verleumden in hässlichster Weise die Tugendhaften, deren Wesen ihnen ein ständiger Vorwurf ist.
Es gibt verschiedene Grade des Zornes. Der erste ist die Empfindlichkeit, die übermässige Empfindsamkeit und Ungeduld beim geringsten Zeichen der Nichtachtung. Das ungeduldige Ego nörgelt und zankt, weil der Frühstückskaffee kalt ist oder die Morgenzeitung zu spät kommt. Das zweite Stadium ist der Wutausbruch, wobei man heftig gestikuliert, das Blut in Wallung kommt, die Gesichtsfarbe sich verändert und sogar mit Gegenständen geworfen wird. Das sind alles Anzeichen, dass das Ich es nicht duldet, wenn man sich der Erfüllung seiner selbstsüchtigen Wünsche widersetzt. Man kommt zum dritten Stadium, wenn man dem Nächsten direkt Gewalt antut, wenn der Hass es dem anderen Menschen heimzahlen will, indem er ihm einen Schaden zufügt oder ihm den Tod wünscht. Manch einer hat keine Ahnung, wie viel diabolischer Zorn in ihm sitzt, bis sein Ego gereizt wird. Der Zorn hemmt die Entwicklung der Persönlichkeit und setzt allem geistlichen Fortschritt ein Ende, und das nicht nur, weil er das seelische Gleichgewicht und das sichere Urteil stört, sondern weil er die Rechte der anderen nicht erkennen lässt und jenen Geist der Sammlung beeinträchtigt, der zum Eingehen auf die Einsprechungen der Gnade so notwendig ist.
Der Zorn ist stets in Beziehung zu etwas Unbefriedigtem im Ich. Er ist so besonders schwer zu heilen, weil er in der Eigenliebe wurzelt, obwohl kein Egoist zugeben wird, dass das der wirkliche Grund ist. Lieber lässt er sich am Körper wehtun als sein Ego durch ein so sanftmütiges Eingeständnis verdemütigen.